Dienstag, 06. Dezember 2022
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Kulturtechniken im Umbruch

Schwimmtraining in einem Strömungskanal auf Teneriffa

Brauchen wir neue Kulturtechniken fürs Überleben?

Durch die Digitalisierung und die Zuwanderung haben sich Kompetenzen und Überlebenstechniken in der Gesellschaft verschoben. Wie können wir damit umgehen und welche neuen Lerninhalte brauchen wir, um unseren Kindern die besten Voraussetzungen für ihre Zukunft mitzugeben? Damit beschäftigt sich die Wissenschaftsdokumentation „„WissenHoch2“ am Donnerstag, den 23. Juni 2022, um 20.15 Uhr und die anschließende Diskussion um 21 Uhr in 3sat.

In der Dokumentation thematisiert Christian Bock das Überleben im Wasser und die Kultur des Schwimmens in Deutschland.

Im Anschluss diskutieren Dirk Scobel und seine Gäste aus wissenschaftlichen Bereichen über den sichtbaren gesellschaftlichen Wandel im Bereich der Kulturtechniken.

Kulturwandel mit Sport- und Schwimmkultur

Schwimmenlernen zählt in Deutschland zum Kulturgut. Schon zu Beginn des 20. Jahrhundert entstanden durch engagierte Bürger in vielen Städten und Gemeinden zahlreiche Schwimmvereine. Durch Unglücke, bei denen zahlreiche Menschen ins Wasser stürzten und sich nicht selbst retten konnten, wuchs kontinuierlich das Bewusstsein in der Bevölkerung, wie man sich und andere vor dem Ertrinken schützen könne. In den 1920er Jahren erlebt der Gedanke einen neuen Aufschwung. Sportvereine, Schulen, Polizei und Feierwehr erkannten die Bedeutung des Schwimmens und nahmen den Gedanken aktiv in ihr Programm auf.

In den 60er und 70er Jahren wurde der „Goldene Plan“ entwickelt. Er brachte den öffentlich geförderten Bäderbau auf den Weg. So konnte eine qualitätiv hochwertige Infrastruktur für das Schwimmenlernen entstehen. In der Folge konnte die Schwimmausbildung verstärkt in Angriff genommen werden. Die Zahlen sprachen für sich. In den 1980er und Anfang der 1990er Jahre explodierte die Schwimmfähigkeit der Bürger. Ab Mitte der 1990er Jahre erreichte sie mit 90% einen Höchststand. Diese goldenen Zeiten des Schwimmenkönnens sind nun erst mal vorbei. Heute wird täglich ein Schwimmbad geschlossen, viele werden aus Kostengründen stillgelegt.

Schwimmen — eine verlorene Kulturtechnik?

In einer neuesten Studie wird klar, heute sind fast zwei Drittel der zehnjährigen Kinder Nichtschwimmer. Mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung kann nur mittelmäßig bis gar nicht schwimmen. Dabei kann Schwimmen viele Krankheiten vorbeugen oder heilen. Eine britische Studie belegt, dass Eisschwimmen Alzheimer-Erkrankung vorbeugt. Auch Übergewichtige können im Therapiebecken ihre Leiden lindern. Für sie ist es oft die einzige Möglichkeit der Rehabilitation.

Das Schwimmen kann auch viele Leben retten. Die DLRG (Deutsche Lebensrettungsgesellschaft) ist die größte Organisation zur Wasserrettung weltweit. Im Jahr 2021 rettete die DRLG 1.655 Menschen das Leben. Insgesamt waren die Mitglieder des DRLG im vergangenen Jahr in 76.664 Fällen im Einsatz, um Menschen in lebensgefährlichen Situationen zu helfen. Diese letzte Zahl ist in den letzten Jahren enorm gestiegen, im Vergleich zum Vorjahr beispielsweise um das Dreifache.

Im Anschluss an die Dokumentation diskutiert der Moderator Gert Scobel mit seinen Gästen über „Kulturtechniken im Umbruch“, denn der Wandel betrifft zahlreiche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens.

Was nützt das Abitur, wenn das Wissen im Baggersee absäuft?

Als grundlegend wird beispielsweise das Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen betrachtet. Diese Fähigkeiten der Kommunikation zählt kulturell zum Wichtigsten, dass ein Mensch können muss. Sie wurde bisher unangezweifelt von Generation zu Generation weitergegeben.
Heutzutage erschweren Digitalisierung, Sprachnachrichten, Bildersprache und Audio/Video die Auseinandersetzung und Aneignung dieser potentiellen Basis-Fähigkeiten.

Andere Fähigkeiten wurden eher als individuell und austauschbar angesehen.

Die Sendung untersucht, welches Wissen und welche Fähigkeiten für die Zukunft unserer Kinder heute noch notwendig sind und welche neue Fähigkeiten wünschenswert wären. Welche Kompetenzen helfen, um die Anforderungen und Krisen der Gegenwart zu bewältigen?

Die Digitalisierung stellt einen kulturellen Umbruch wie einst der Buchdruck dar. „Alexa“ und „Siri“ übernehmen vielfach die Notwendigkeit zu schreiben und zu lesen. Heißt das, wir brauchen nicht mehr Lesen oder Schreiben lernen? Oder brauchen wir das Wissen nun erst recht, um nicht unter die Räder zu kommen und einen Hauch von Kontrolle über unser Leben zu bewahren?

Können wir uns teure Ausbildungen überhaupt leisten, wenn die Wissensträger überraschend in Baggerseen ertrinken, weil sie kein Schwimmen gelernt haben?


Donnerstag, den 23. Juni 2022, um 20.15 Uhr in 3sat
„WissenHoch2“ – „Überleben im Wasser. Von der Kulturtechnik des Schwimmens“
von Christian Bock

im Anschluss, 21 Uhr:
„Kulturtechniken im Umbruch“
Diskussion mit Gert Scobel und seinen Gästen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen.


Weitere Informationen:

www.zdf.de