Donnerstag, 28. Oktober 2021
Home > Aktuell > 2000 Stadtbäume müssen gefällt werden

2000 Stadtbäume müssen gefällt werden

Baumfällung

Von Michael Springer


In der Pressemitteilung des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg Nr. 251 vom 15.09.2021 wird die Fällung von über 2000 Stadtbäumen angekündigt und ausführlich erklärt.

Die Begründung lenkt jedoch von der ursächlichen Verantwortung des Straßen- und Grünflächenamtes und der Bezirkspolitik in Friedrichhain-Kreuzberg ab:

Zitat: „Die Anzahl der Hitzetage in Berlin hat in den vergangenen 30 Jahren deutlich zugenommen. Während es von 1961 bis 1990 durchschnittlich 6,5 Hitzeage mit über 30 Grad pro Jahr gab, waren es zwischen 1990 und 2019 bereits durchschnittlich 11,5 Hitzetage, mit einem Rekord von 28 Hitzetagen im Sommer 2018. Diese Klimaveränderungen machen der Stadtnatur zu schaffen.“

Nicht die Hitzetage, sondern Dürre und fehlendes pflanzenverfügbares Wasser im Boden haben die vielen Bäume in Not gebracht!

Jeder verantwortlich arbeitende Gärtner kennt den seit 1952 geführten Dürremonitor, der den Wassermangel im Boden aufzeichnet. Jeder Amtsleiter in der Stadt steht in der Verantwortung, die Wasserversorgung in seinem grünen Bereich im Blick zu halten, und bei Dürre „Alarm zu schlagen“ — und verfügbare Reserven zum Bewässern der Bäume in Dürrejahren und besonders an Hitzetagen in Gang zu setzen.

Grünflächenamt, Fachfirmen des Garten- und Landschaftsbaus, Feuerwehr, Polizei mit Wasserwerfern, Bundesanstalt Technisches Hilfswerk — und Anlieger, Anwohner und Grundstückseigentümer haben ausreichend Kapazitäten, um große Zahlen von Bäumen und Straßenbäumen zu wässern.
In den Jahren 2020-2021 standen sogar zweckgebunden bis zu 50 Mio. € für alle 12 Berliner Bezirke zusätzlich zur Verfügung. Fehlendes Personal, fehlende Fahrzeuge und Gerät haben jedoch dazu geführt, im „alten Berliner Trott“ weiter zu machen, und die Dürre laufen zu lassen.

Mit der „City-Lab“-Anwendung „Giess den Kiez“ wurde eine vermeintlich intelligente Lösung angeboten: die Bürger sollen ehrenamtlich im „zivilgesellschaftlichen Engagement“ mehr Verantwortung übernehmen.
Einzelne Aktionen und Aufrufe, Bäume zu bewässern, wurden auch von Umweltstadträtin Clara Herrmann (Bündnis 90/Grüne) in Gang gesetzt.

Doch schon eine einfache Dreisatzrechnung zeigt: mit Gießkannen ist der Aufgabe ehrenamtlich nicht nachzukommen:

„Straßenbäume mit entwickelter Baumkrone benötigen täglich 50-200 Liter Wasser an Hitzetagen – und über eine ganz Sommersaison durchgängig ausreichend pflanzenverfügbares Wasser. Bei rund 2.000 gefährdeten Stadtbäumen und 100 Bewässerungsgängen mit 500 Litern Wasser müssen rund 100.000 Kubikmeter Wasser bewegt werden.“

In den letzten drei Dürrejahren wurde daher in Friedrichshain-Kreuzberg nicht genug getan! — Auf eine offenkundige ökologische Mangelsitutation wurde nicht ausreichend und mit nicht genügend Nachdruck reagiert, obwohl Echtzeitdaten zu Dürre verfügbar sind! — Es war „Unterlassene Hilfeleistung für Stadtbäume in Not!“

Dramatische Baumbilanz in Friedrichshain-Kreuzberg

Von 42.000 Bäumen im Gesamtbestand des Bezirkes werden schon jetzt jede Woche mehrere Bäume im öffentlichen Straßenland, aber auch in den Grünanlagen, gefällt. 2019 waren es 400 Baumfällungen. In diesem Jahr werden bereits knapp 800 Fällungen erwartet. Damit sinkt die Zahl der Bestandsbäume bald unter 40.000 — und mit den erwarteten Baumfällungen auf 38.000 Bäume.
Dazu kommt eine weitere katastrophale Entwicklung: von den Jungbäumen, die zwischen 2000 und 2020 im Bezirk gepflanzt wurden, sind nur 34 Prozent komplett gesund. 42 Prozent dieser Bäume sind geschädigt, 24 Prozent mussten bereits wieder gefällt werden. Die durch Baumfällungen und Holzverwertung freigesetzte Menge an CO2 übersteigt damit bereits bei weitem die jährliche CO2-Bindung durch Holzzuwachs der gesunden Stadtbäume im Bezirk.

Halbherzige Reaktion von Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann

In der Pressemitteilung kündigt Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann eine Fortsetzung der „Ressourcenmangel-Politik“ an:

Zitat: „In Zukunft muss das Bezirksamt sich mit den begrenzten Ressourcen darauf konzentrieren, bei Neupflanzungen die Baumstandorte so zu gründen, dass junge Bäume eine Überlebenschance haben. Das ist nicht an allen Standorten möglich. Das Ziel ist es, langfristig eine robuste grüne Infrastruktur zu pflanzen.“

Im Klartext: Herrmann will notfalls mehr Pflasterflächen in Kauf nehmen!

In einem Punkt macht sich die Bürgermeisterin ehrlich: „Die Mittel, die wir aktuell vom Land Berlin für die Grünpflege erhalten, reichen nicht aus, um der Baumpflege gerecht zu werden“, erläutert sie den Bezirksverordneten in der Sitzung des Ausschusses für Umwelt, Verkehr, Klimaschutz und Immobilien Ende August.

Kommt ein Politikwechsel in der Grünpolitik?

Herrmann skizzierte die künftige Zielsetzungen im Umgang mit Stadtbäumen: „Um die Folgen des Klimawandels abzumildern und das Stadtgrün zu erhalten, achtet das Straßen- und Grünflächenamt bei Neupflanzungen auf klimaangepasste Standorte und klimaresilientere Baumarten. Entscheidend ist nicht die Neupflanzung an sich, sondern der gesicherte Standort. Je mehr unversiegelte Fläche ein Stadtbaum hat und je mehr Platz ihm zum Wurzeln zur Verfügung steht, desto wahrscheinlicher ist eine lange Lebensdauer des Baumes. Auch der Rückbau der Mischwasserentwässerung ist und eine Sicherung des Grundwasserniveaus sind entscheidend. Dabei geht Qualität (der Standorte) vor Quantität (der Bäume). Um die Wasser- und Nährstoffversorgung der Stadtbäume zu verbessern, sollen diese künftig wesentlich größere Pflanzgruben erhalten.“

Eine Vergrößerung der Pflanzgruben und Baumscheiben ist jedoch nicht hinreichend, um Stadtbäumen ein langes Leben zu sichern. Die Kombination von Dürre im Boden und fehlenden Niederschlägen in der Sommersaison bleibt weiter tödlich. — Auf sonnigen und grundwasserfernen Standorten werden Stadtbäume künftig nur eine Chance haben, wenn eine Bewässerung auch sicher gestellt wird.

Die „Stadtbaum-Frage“ und die Klimaanpassung im öffentlichen Grün wird mindestens so schicksalhaft, wie die Wohnungsfrage — denn in einer Steinwüste mag niemand auf Dauer gerne leben!